"Der letzte Drache"
Wir zogen durch die staubige Ödnis der sich endlos streckenden Felder. Unter uns aufgerissener, karger Boden und über uns grauer Sturmhimmel. Der Wind zerrte an unseren Rüstungen, trug das Knirschen des Leders über das weite Land. Mein Atem rauh, meine Schritte schwer, Kieselsteine schellten die Metallplatten. Irgendwo, unzählige Tagesmärsche hinter uns, die Überreste unserer einst stolzen Streitsrosse, jetzt zusammengesunken zwischen den Schollen.
Meine Vorstellung vom Biest wurde immer nebelhafter, je mehr Gerüchte ich darüber hörte und je weniger ich davon sah. Zwölf Monate war es nun her, dass die tapferen Männer und ich aus der geliebten Heimat aufgebrochen waren, um das Ungetüm zu suchen und zu erlegen. Der letzte Drache in diesem sterbenden Land, dem langsam seine Kreaturen und seine Abenteuer ausgingen. Zusammen waren wir losgezogen, als Bande von Brüdern, um einen letzten Ruhm zu erlangen. Doch jetzt fand ich mich unter Fremden. Die Gesichter meiner Freunde entstellt von den unzähligen Mühen auf dem Weg hierher, erkannte ich sie nicht wieder.
Jeder Horizont eine neuerliche Enttäuschung. Waren wir vergebens losgezogen? Die nächste Anhöhe deutete sich vor uns an, instinktiv korrigierten wir unsere Reihe und zogen die Waffen. Der kleine Halbersdörfer immer noch voller Hoffnung, den Schild an seiner Seite, den Einhänder ausgestreckt. Mein Schwert dagegen war mutlos gesenkt und schleifte über die steinige Erde, die Spitze lange stumpf. Würde es zerbrechen, es würde mir die Mühe nehmen, es länger mit mir herumtragen zu müssen. Hinauf! Vor uns im Tal musste sich endlich das Land des Drachen zeigen! Mein Ansporn hielt nicht lange. Die anderen vier voran, ich fiel zurück. Staubige Ödnis, endlos streckende Felder, umgeben von kraftlosen Hügeln. Reglos standen wir da und warteten und horchten.
Doch langsam änderte sich die Landschaft. Die Berge nahmen Gestalt an, wuchsen höher und mächtiger. Es blieb kein Zweifel, dass wir vom Weg abgekommen waren als wir den Gebirgszug zu unserer Linken erkannten. Fernab unserer Route näherten wir uns unaufhaltsam dem gefährlichen Reich der Riesen und ich kämpfte gegen die aufsteigende Gewissheit, dass nicht jeder von uns von dieser Reise zurückfinden würde.
Vor mir auf einer felsigen Anhöhe sammelten sich die Männer und schauten hinaus in die Weite. Keiner sagte etwas als sich unsere Blicke trafen. Ich brachte ein schweres Lächeln hervor und die frische Narbe vom letzten Blutvergiessen am Engelspass grub sich tief in meine Wangen. Der Halbersdörfer starrte verloren in die Ferne. Sein Gesicht schmutzig und blass unter dem zu grossen Helm. Ich trat heran. Seine Augen suchten fragend zwischen meinen. Hatte er etwas gehört? Er stiess mich an: "Hey!" Und dann hörte ich es auch, Mutter rief.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen